think hard - link smart

Kennst du das Gefühl, wenn du eine gute Idee hast, dein Notiz-Tool öffnest und dann erst einmal fünf Minuten überlegst, wo das jetzt wohl hingehört? In welchen Ordner? Unter welche Kategorie? Und während du darüber nachdenkst, ist der Gedanke schon wieder weg?

Mir ging das jahrelang so. Ich war der klassische „Ordnung muss sein"-Typ. Jede Idee hatte ihren Platz, jeder Gedanke seine Kategorie. Das kennt doch jeder von uns aus dem Explorer bei Windows oder Finder am MacOS. Dann machen echt geniale Tools wie Logseq oder Obsidian aber irgendwie genau das gleiche:

Obsidian

Feste Strukturen, saubere Ordner, durchdachte Hierarchien. Ist natürlich auch sinnig, da diese Tools alles ins hauseigene Dateisystem schreiben:

Obsidian im Dateisystem

Und mit jedem neuen Tool, das ich ausprobiert habe, wurde mir klarer: Je mehr ich vorher sortiert habe, desto weniger habe ich tatsächlich gedacht.

Das hat sich geändert, als ich angefangen habe, Notizen nach dem Bottom-Up-Prinzip zu erstellen. Ich nenne sie liebevoll „meine Bottom-Up-Notizen".

Nicht die Struktur steht dabei im Vordergrund, sondern das Denken selbst. Und Capacities ist dafür genau richtig, weil es das Netzwerk zwischen Ideen stärkt, statt es von Anfang an festzulegen.

Der Unterschied zwischen Obsidian und Capacities

Bei Obsidian arbeitest du am Ende trotzdem mit deinem Dateisystem. Deine Notizen sind Markdown-Dateien in Ordnern auf deiner Festplatte. Deine Bilder sind weiterhin Bilder im Dateisystem. Mega, kannst du einfach z.B. in Logseq oder Roam Research importieren oder lokal im Texteditor deine Notizen öffnen.

Das bedeutet, aber …

Die Verknüpfungen zwischen deinen Gedanken passieren nicht über Ordnerstrukturen, sondern über Links innerhalb der Notizen selbst. Du schreibst [[Notiz A]] in Notiz B, und schon sind sie verbunden. Das Dateisystem bleibt dabei im Hintergrund unberührt, aber es ist trotzdem da. Und später stellst du fest: Du benötigst doch eine durchdachte Ordnerstruktur, auch wenn bi-direktionale Links dir helfen, Verbindungen zu schaffen. Bottom-up funktioniert dort nur mit Kompromissen (wie ich finde).

💡
Was sind bi-direktionale Links?
Anders als normale Links im Web wissen bi-direktionale Links, wer auf sie verweist. Wenn du eine Notiz mit einer anderen verlinkst, sieht die verlinkte Notiz automatisch, dass sie erwähnt wurde. Das schafft ein Netzwerk von Verbindungen, das organisch wächst – ohne dass du jede Beziehung manuell pflegen musst.

Das Problem dabei: Das Dateisystem zwingt dich trotzdem zu Entscheidungen

Auch wenn bi-direktionale Links dir helfen, Verbindungen zu schaffen: Am Ende musst du dich fragen, wo du diese Datei speicherst. In welchem Ordner? Ist das eine Projektnotiz oder eine Idee? Eine Ressource oder ein Konzept? Das Dateisystem verlangt von dir eine Antwort, bevor du überhaupt weißt, was diese Notiz später einmal werden wird. Bottom-Up funktioniert in Obsidian deshalb nur mit Kompromissen. Im Hinterkopf bleibt immer:

Wo liegt diese Datei eigentlich?

Capacities denkt anders: Alles ist ein Objekt

In Capacities gibt es kein Dateisystem im Hintergrund. Stattdessen ist alles ein Objekt: ein Gedanke, eine Person, ein Projekt, ein Bild. Diese Objekte existieren einfach im Raum deines Wissensnetzwerks, ohne dass du ihnen einen festen Platz zuweisen musst.

Das bedeutet konkret: Du musst dich nicht entscheiden, ob eine Notiz zu Projekt A oder Thema B gehört. Sie kann mit beiden verknüpft sein. Ein Bild ist kein "File in einem Ordner", sondern ein Objekt, das genauso behandelt wird wie eine Textnotiz. Du kannst eine Idee heute als schnelle Notiz erfassen und sie morgen zu einem vollwertigen Projekt erweitern, ohne sie umziehen zu müssen. Die Struktur entsteht durch Verbindungen, nicht durch Ablageorte.

Deshalb funktioniert Bottom-Up in Capacities so natürlich: Das System passt sich deinem Denken an, nicht umgekehrt. Du gibst deinen Gedanken Raum zu wachsen, bevor du ihnen einen festen Platz gibst.

Wie "Top-Down" oft schiefgeht

Stell dir vor: Du liest ein spannendes Buch und wimöchtest dir Notizen machen. Mit einem Top-Down-System (wie z.B. Notion) fragst du dich zuerst:

"Ist das ein Buchzusammenfassung? Ein Zitat? Eine Idee für später? Gehört das zu meinem Projekt X oder eher zu Thema Y?"

Während du das entscheidest, liest du nicht mehr. Du denkst nicht mehr über den Inhalt nach. Du verwaltest. Und am Ende hast du vielleicht eine perfekt sortierte Notiz – aber der eigentliche Denkprozess ist auf der Strecke geblieben. Oder schlimmer: Du hast die Notiz gar nicht erst gemacht, weil es zu aufwendig war.

Das ist das Problem mit zu viel Struktur, zu früh:
Sie verhindert genau das, wofür sie eigentlich da sein sollte.

Beispiel Notion:

Hier hatte ich meine handschriftlichen Notizen vor, zu digitalisieren nach einem Meeting, fing dann aber eigentlich an, eine Art Master-Datenbank zu designen. Es macht eigentlich Spaß, Strukturen (Pionierarbeit) zu schaffen, nimmt aber viel Zeit in Anspruch. Ich habe mich somit immer wieder dabei selbst in Notion ertappt, erst die übergeordnete Struktur aufzusetzen (Top Down)

Was das "Bottom-Up-Prinzip" eigentlich bedeutet

Bottom-Up heißt: Du fängst dort an, wo deine Gedanken wirklich stattfinden. Im Moment selbst. Beim Arbeiten, beim Lesen, mitten im Gespräch. Du zwingst Gedanken nicht in Kategorien, bevor du überhaupt weißt, was sie sind und wohin die Reise gehen soll.

Stattdessen schreibst du sie schnell und frei auf. Erst später, wenn sie Relevanz gewinnen, gibst du ihnen Kontext, Verbindungen, einen Platz im Netzwerk.

1. Schreib in dem Moment, in dem du denkst

Mit Bottom-Up-Notizen setzt du genau dort an, wo die Idee entsteht. Du schreibst und die Organisation kommt vollkommen natürlich später.

Das heißt konkret:

  • Du erfasst Texte ohne Vorstruktur, sobald sie entstehen
  • Du machst kurze Einträge in einer täglichen Notiz – als Gedankenlog oder Mini-Journal
  • Du machst dir keine Sorgen um Ordner, Überschriften oder Dokumenttypen
  • Du gibst dir Klarheit und reduzierst mentalen Ballast

Bottom-Up: Unstrukturiertes Wissen aus einem Podcast

Hier wurde aus einer Podcast-Episode, meine Neugierde auf Robotaxis von Tesla geweckt und warum diese versagen. Das war logischerweise nicht geplant und meine Recherche begann beim Hören der Episode.

2. Organisiere nur, was wirklich relevant ist

Nicht jede Notiz muss für immer bleiben. Vieles, was wir aufschreiben, dient nur dem Moment. Der Trick ist: Erst einmal alles zulassen, später entscheiden, was dauerhaften Wert hat.

Im Alltag heißt das:

  • Alles kommt zuerst in die Daily Notes
  • Tags, Links und Strukturen setzt du erst, wenn der Inhalt Bedeutung bekommt
  • Du vermeidest das „Vorsortieren", das oft produktiver aussieht als es ist

3. Nutze Capacities Features, wenn du Struktur brauchst

Capacities bietet dir eObjekte die perfekt zu diesem Ansatz passen. Du musst sie nicht von Anfang an nutzen. Aber sobald ein Gedanke wächst, macht es Sinn, ihn zu vernetzen.

Tags helfen dir, Themen sichtbar zu machen und später schnell wiederzufinden. Sie sind flexibel, ohne dich in starre Kategorien zu zwingen.

Bi-direktionale Links verknüpfen Gedanken miteinander. Wenn du später merkst, dass mehrere deiner spontanen Einträge zusammenhängen, kannst du sie direkt verbinden. So entsteht ein dynamisches Netz deiner Ideen.

Objekte sind der Schritt zu bewusst strukturierterem Inhalt. Wenn ein Gedanke Relevanz und dauerhaften Wert hat, verwandelst du ihn in ein Objekt – ein Projekt, eine Definition, eine Person, einen Artikelentwurf. Aus dem freien Gedanken wird eine wiederverwendbare Einheit.

Kurz gesagt: Schreiben zuerst, Struktur später.

4. Einrücken und Verknüpfen statt Ordner

Beim Schreiben solltest du so wenig Reibung wie möglich haben. Capacities erlaubt dir, Notizen hierarchisch durch Einrücken oder durch Verknüpfungen zu organisieren, ohne ein anderes Fenster oder Menü öffnen zu müssen.

Das bedeutet:

  • Du gruppierst Gedanken visuell, indem du sie einrückst
  • Du erstellst Verbindungen, indem du Tags oder Objektverweise setzt
  • Du vermeidest das Aufschieben, das bei klassischer Strukturierung entsteht

Ein Beispiel aus meinem Alltag

Letztens saß ich im Café und hatte eine Idee für einen Artikel. Statt mein Handy rauszuholen und in Capacities rumzuklicken, habe ich einfach auf eine Serviette gekritzelt – ein paar Stichworte, ein grober Gedankengang, nichts Schönes.

Schnell ein Foto davon gemacht und in meine Daily Note gepackt. Dann habe ich darunter angefangen zu schreiben, was mir dazu noch eingefallen ist. Nach ein paar Tagen habe ich gemerkt: Das Thema kommt immer wieder. Also habe ich daraus ein Objekt gemacht einen "Blogidee" und angefangen, die Gedanken richtig auszuarbeiten.

Das Foto von der Serviette ist immer noch da, als Erinnerung daran, wo die Idee herkam. Aber drumherum ist jetzt ein ganzes Netzwerk aus Gedanken, Links und Notizen entstanden. Genau so funktioniert Bottom-Up: Der erste chaotische Impuls wird zum Ausgangspunkt für etwas Größeres.

Ein paar Varianten, wie das bei dir aussehen könnte:

  • Du notierst etwas handschriftlich in einem Meeting, fotografierst es und legst es in deine Daily Note, später ziehst du die wichtigen Punkte raus und verlinkst sie mit relevanten Projekten
  • Du hast eine Skizze auf Papier gemacht, packst das Foto in Capacities und schreibst direkt darunter, was du damit machen willst

Der Punkt ist: Capacities erlaubt dir, mit dem Chaos zu starten und erst später Ordnung reinzubringen.

Was bringt dir das konkret?

Wenn du Bottom-Up Notizen konsequent nutzt, gewinnst du mehrere Dinge:

  • Du reduzierst Reibung beim Schreiben der ersten Version deiner Gedanken
  • Du entwickelst ein organisches Netzwerk von Ideen, das mit deinem Denken wächst
  • Du verschwendest keine Zeit mit Sortierarbeit, die später vielleicht gar keinen Nutzen hat
  • Deine Wissensbasis bleibt flexibel und anpassbar, statt starr und unlebendig

» Aber dann finde ich doch nichts wieder! «

Das ist die häufigste Sorge, wenn ich über Bottom-Up-Notizen und das erste damit verbundene unwissende Chaos rede. Die Angst, dass ohne Ordnerstruktur alles im Chaos versinkt. Ich verstehe das, ich hatte die gleiche Angst.

Hier ein Beispiel aus dem Dateisystem, um es mal greifbar zu machen:

Ein Brief vom Finanzamt kommt rein. In einem klassischen Ordnersystem fragst du dich sofort: „Steuerdokumente“? Oder „Schriftverkehr“ oder vielleicht „Bescheide“ oder habe ich hier noch ein „To-do“?

Du entscheidest dich für einen Ordner und damit gegen alle anderen. Sechs Monate später suchst du den Brief und weißt nicht mehr, wo du ihn abgelegt hast. Zum Glück hilft hier natürlich die Suchfunktion im jeweiligen System

💡
Erinnere dich, Obsidian legt auch alles im Dateisystem ab.

Warum es bei Notizen nicht anders ist

Einen Brief vom Finanzamt würde ich nicht zwingend in Capacities reinlegen, denkst du dir? Stimmt, ich lege diesen auch in meinem Dateisystem ab, allerdings mache ich mir davon ein Foto und hänge z.b. Notizen und Aufgaben daran:

In Capacities ist das anders. Alles ist ein Objekt und kann mit mehreren Dingen gleichzeitig verknüpft werden. Der Brief vom Finanzamt kann mit "Steuern", "2026", "Buchhaltung" und "wichtige Dokumente" getaggt sein. Er existiert nicht in einem Ordner, er ist Teil eines natürlich wachsenden Netzwerks. Du findest ihn über jeden dieser Zugänge.

Das ist der entscheidende Unterschied

Ordner zwingen dich, dich festzulegen. Objekte und Links erlauben dir, flexibel zu bleiben. Du machst keine „Fehler“ mehr bei der Ablage, weil es keine falsche Entscheidung gibt.

Capacities geht einen entscheidenden Schritt weiter

Dort ist alles ein Objekt, nicht nur Dateien oder Pages. Ein Gedanke, eine Person, ein Projekt – alles existiert im gleichen flexiblen System. Es gibt keine Ordner, in die du etwas "ablegen" musst. Deswegen funktioniert Bottom-Up hier so natürlich: Du denkst in Verbindungen, nicht in Ablageorten. Das System passt sich deinem Denken an, nicht umgekehrt.

Je mehr du so arbeitest, desto mehr merkst du: Das System wird nicht chaotischer, sondern intelligenter. Weil es mit deinen echten Denkmustern wächst, nicht gegen sie.

Für wen ist dieser Ansatz?

Bottom-Up funktioniert besonders gut, wenn du viel mit Ideen arbeitest, die sich entwickeln. Wenn du schreibst, kreativ bist, Projekte planst oder einfach viel denkst und das festhalten willst.

Dieser Ansatz ist weniger geeignet, wenn du hauptsächlich feste Informationen verwalten musst – Listen, Termine, klare Aufgaben. Dafür benötigst du oft Struktur von Anfang an. Aber selbst dann kann eine Mischung Sinn machen:

Struktur für das Organisatorische, Bottom-Up für alles, was mit Denken zu tun hat.

Am Ende ist dieser Ansatz weniger eine Methode als eine Denkhaltung: Du gibst deinem Denken Raum, bevor du ihm einen Platz gibst.

Probier es eine Woche aus

Mein Vorschlag: Nimm dir nächste Woche vor, alles erst einmal in deine Daily Note zu schreiben. Ohne nachzudenken, wo es hingehört. Einfach nur schreiben. Und am Ende der Woche schaust du, was davon relevant genug ist, um es zu verlinken, zu taggen oder in ein Objekt zu verwandeln.

Du wirst merken:

Die meisten Notizen brauchst du vielleicht nicht mehr. Es waren Arbeitsnotizen (du musst diese nicht löschen und aufräumen!). Aber die wenigen, die übrig bleiben, sind genau die, die wirklich zählen. Und die haben dann auch verdient, Teil deines Netzwerks zu werden.

Cheers,
dein André


Foto von D koi auf Unsplash

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